Hochschule RheinMain
So malte man sich die Zukunft aus



Studienbereich Umwelttechnik & Dienstleistung


Was uns alte Bucheinbände über die Erwartungen unserer Urgroßeltern verraten


Utopische Literatur ist nur selten in der Lage, eine langfristige zukünftige Entwicklung treffend vorherzusagen. Mit einer solchen Erwartung sollte man auch nicht an einen Roman herantreten. Insbesondere die utopisch-technische Literatur, Science Fiction genannt, kann uns aber zumindest auf eine mögliche Welt von morgen vorbereiten oder vor denkbaren negativen Entwicklungen warnen, in der Hoffnung, damit deren tatsächliches Eintreten zu verhindern. Interessant ist die Beschäftigung mit alten Zukunftstexten allemal. Wie hat man sich früher die Zukunft vorgestellt? Welche Vorstellungen waren (einigermaßen) zutreffend? Wo hat man daneben gelegen und warum? Als sicher angesehene Prognosen haben sich manchmal als falsch erwiesen. Das erwartete goldene Zeitalter des Jahres 2000 ist nicht eingetreten. Die große Mehrheit der Menschen muss immer noch hart arbeiten. Die Mächtigen dieser Erde sind, wie zu allen Zeiten, nicht bereit, den geschaffenen Mehrwert gerecht zu verteilen.   Viele prophezeite Entwicklungen wurden zwar eingeleitet, doch dauert ihre Verwirklichung viel länger als gedacht: Die bemannte Raumfahrt hat uns gerade mal bis zum Mond gebracht. Die Computer sind immer noch dumme Rechenknechte, und fliegende Autos findet man nach wie vor nur im Kino. Aus diesen Erfahrungen lassen sich Schlüsse für unsere möglichen Zukünfte ableiten. Die meisten großen Dinge entwickeln sich langsamer als gedacht.
Nicht nur die Texte utopischer Erzählungen sagen viel über die Vorstellungen zur Zeit ihrer Entstehung aus, auch die Einbandillustrationen (sofern vorhanden) und Schutzumschläge (üblich ab etwa 1920) geben häufig  interessante Aufschlüsse über damals gehegte Erwartungen. Wir beschränken uns auf einige Beispiele, die vor rund hundert Jahren entstanden sind.


 

Damals, zur Zeit der industriellen Revolution, entstanden Gegenbewegungen nach dem Motto „Zurück zur Natur“. Der bis heute bekannteste Freilandversuch war die „Vegetarische Kooperative Monte Verità“ in Ascona im Tessin. Im Jahr 1880 erschien die erste Ausgabe von „Das neue Naturheilverfahren“ von Friedrich Eduard Bilz, das  bis 1938 zahllose Neuauflagen erlebte und noch heute manchen Laden für antiquarische Bücher hütet. Angefeuert von seinem Erfolg gründete Bilz nicht nur ein alternatives Sanatorium in Radebeul, sondern er versuchte sich auch an einem Zukunftsroman, „In hundert Jahren“ (1907). Die große Mehrheit der Menschen hat sich jedoch anders entschieden. Kapitalismus und Technik (oder Technik-Konzerne?) beherrschen die Welt. Immerhin gibt es die Hippies noch als Randgruppe.

  In hundert Jahren   
         
  Reisen im Universum
 

Spätestens seit Jules Verne war die Raumfahrt ein Thema für phantasiebegabte Menschen. Manchem erschien sie als logische Weiterentwicklung der Seefahrt, die den Globus komplett erobert hatte. Nun musste es weiter gehen, zum Mond und zu den Planeten. Aus Schiff wird Raumschiff, wie der Einband von „Mac Milfords Reisen im Universum“ (1902) andeutet.

 
         
  Die Verhältnisse im Weltraum erfuhren jedoch mitunter eine zu optimistische Einschätzung wie eine Deckelillustration aus dem Jahr 1921 zeigt. Die Erstauflage von „Wunderwelten“ erschien bereits 1911.     Wunderwelten  
         
 

 Auf silbernen Gefilden

  Wanderstöcke, wie sie der Mondroman „Auf silbernen Gefilden“ (1914) vorschlägt, haben sich auf unserem Trabanten auch nicht durchgesetzt. Sie wären wohl eher hinderlich.  
 

Die Entdeckung der vermeintlichen Marskanäle im Jahr 1877 rückte den Mars schlagartig in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Gab es dort etwa intelligente Aliens, die sich ein globales Bewässerungssystem geschaffen hatten? Zwangsläufig entstanden zahlreiche Marsromane. Einer der erfolgreichsten war der des deutschen Lehrers Kurd Lasswitz „Auf zwei Planeten“ (1897). Der Einband der broschierten Ausgabe zeigt ein Raumschiff, das einem Luxusdampfer mit Aussichtsplattformen ähnelt.

  Auf zwei Planeten   
         
   Eine Marsprinzessin   Edgar Rice Burroughs, der Tarzan-Autor, begann 1917 eine Marsabenteuer-Reihe, deren erster Band, „Eine Marsprinzessin“ 1925 erstmals auf Deutsch erschien. Neben den fiesen kleinen grünen Männchen hat der rote Planet offenbar auch Angenehmeres zu bieten, wie uns die Einbandillustration verrät. Spätestens mit den Fotos der ersten Mariner-Marssonden in den 1960ern erwiesen sich die Marskanäle als optische Täuschungen. Schade, wäre doch spannend gewesen, dort Gesprächspartner zu finden.  
         
 

Wenig Phantasie bewiesen die Autoren und Zeichner, wenn es um das Design der Zukunft ging. Das gutgekleidete Paar auf der Raumschiffveranda („Auf zwei Planeten“) präsentiert sich modisch doch eher konservativ und auch die Mondbasis der französischen Erzählung „Deux Ans sur la Lune“ (1890) wirkt reichlich barock.

  Deux Ans sur la Lune   
         
  Das Aeromobil   

Die zunehmende Bedeutung von Luftkriegen wurde zwar richtig erkannt, doch sind die Luftschiffe in ihrem Aussehen nach den Vorstellungen der Zeit gestaltet („Das Aeromobil“, 1910).

 
 
         
 

Zukunftserwartungen aller Art verraten wohl am meisten über die Zeit ihrer Entstehung.Den Computer haben Science Fiction-Autoren nicht vorausgesehen. Erst nachdem die Wirklichkeit längst vorausgeeilt war, tauchten die „Elektronengehirne“ in den 1950ern in ihren Erzählungen auf. Immer leistungsfähiger (richtig) und immer größer (falsch) dachte man sich die Rechner der Zukunft. Die Raumfahrt verlangte jedoch nach kleinen, leichten Maschinen. Die Erfindung des Transistors und vor allem des Chips ermöglichten die notwendige Miniaturisierung. Roboter waren dagegen längst Alltag in der phantastischen Literatur, auch wenn der Name 1922 erstmals in einem Theaterstück von Carel Čapek auftaucht.  Vorher waren es eben einfach „Die künstlichen Menschen“ (1908).

  Die künstlichen Menschen   
         
  Die verlorene Welt   

Als Arthur Conan Doyle 1912 einen „lost race-Roman“ schrieb, gab es noch weiße Flecken auf der Landkarte. Damals durfte man noch über unentdeckte Urzeitwelten spekulieren. Die deutsche Ausgabe „Die verlorene Welt“ von 1926 zeigt einen sehr lebendigen Flugsaurier. Gefunden hat man viel später die Knochenreste einer ähnlichen Kreatur und benannte sie nach dem fantasiebegabten Autor, der seinerzeit die Paläontologen mit seinem Roman sehr beeindruckte und motivierte: Arthurdactylus conan-doylei.

 
         
 

Bleibt noch der „Weltuntergang“ (1928). Er kommt so sicher wie das Amen in der Kirche, aber wann und wie? Mit ihm haben sich seit Ausgang des 19. Jahrhundert viele Romane beschäftigt. Meist wurden astronomische Ereignisse wie das Ende unserer Sonne oder Kometen- bzw. Asteroiden-Einschläge vorgeschlagen. Ernsthafte Probleme mit der im Laufe ihrer Entwicklung heißer werdenden Sonne sind nach heutigen Erkenntnissen erst in 900 Millionen Jahren zu erwarten. Geschosse aus dem Weltall könnten uns allerdings schon weitaus eher treffen. Die Zukunft hat ja erst begonnen.

  Weltuntergang   

 

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Radio-Beitrag des SFR zum Thema Prognosekraft der Science Fiction

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